Der Dichter und Schriftsteller

Die Dichterrunde

Poet und Romantiker

Kerner hat sich selbst einmal das originelle Prognostikon gestellt:

„Flüchtig leb' ich durchs Gedicht,
Durch des Arztes Kunst nur flüchtig;
Nur wenn man von Geistern spricht,
Denkt man mein noch und schimpft tüchtig.“

Dabei hat er zu schwarz gesehen und sich von seiner Neigung zur Schwermut treiben lassen, die ein Erbstück aus der Familie seiner Mutter war. Den Schmerz bezeichnet er als Hauptmotiv seiner Lyrik:

„Poesie ist tiefes Schmerzen
Und es kommt das echte Lied
Einzig aus dem Menschenherzen,
Das ein tiefes Leid durchglüht.“

Doch zwischen den düsteren Wolken der Schwermut blitzt immer wieder sein unverkennbarer, oft skurriler oder gar makabrer Humor hindurch. Man kann ihn Ernst Kretschmers Typ des Zyklothymen zuordnen, dessen Gemütslage sich vorwiegend zwischen Heiterkeit und Trauer spannt.

Kein schwäbischer Dichter hat so vollkommen wie er den Geist der Romantik verkörpert. Wir erinnern an seine Vorliebe für alles Volkstümliche, das Volkslied, die Legende, das Märchen, das Wunderbare und Übersinnliche, die Kunst des Mittelalters und die Geschichte der Heimat. Er schrieb seine Gedichte ganz aus dem Erlebnis und Gefühl heraus und hatte keine Lust, an der künstlerischen Form seiner Verse zu feilen. Einige seiner Gedichte sind volkstümliche Lieder geworden, vor allem das schwäbische Heimatlied „Der reichste Fürst“, „Wanderlied“ und „Der Wanderer in der Sägmühle“ (Klingenmühle bei Welzheim). Hugo Wolf vertonte Kerners Verse „Zur Ruh, zur Ruh“. Friedrich Silcher widmete dem Dichter seine Komposition von sechs Liedern für Singstimme und Klavier und schrieb ihm: „Innigst geliebter und verehrter Freund! Hiermit bin ich so frei, Ihnen die längst versprochenen Lieder zu überreichen. Nehmen Sie sie in Liebe auf, ich habe sie mit inniger Liebe komponiert. Wie glücklich wäre ich nun, wenn ich das eigentümliche Wesen Ihrer Gedichte, die reinen Naturklänge derselben, das kindliche Herz und die innige Sehnsucht und Liebe, welche daraus atmen, nur einigermaßen in Tönen ausgedrückt haben sollte.“ Und vor allem erinnern wir an Robert Schumanns Lieder, unter denen sich nicht weniger als 14 Kernergedichte befinden. Das bekannteste davon ist „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein“. Kerner verfaßte es, wie er im März 1809 an Uhland mitteilte, nach bestandenem Doktorexamen auf dem Heimweg von Tübingen nach Ludwigsburg und schrieb es in Echterdingen in einem Wirtshaus auf. Eine weitere kostbare Erinnerung an seine Studentenzeit hat er in seinem trefflichen „Tübinger Burschenlied“ hinterlassen. Und wem sollten nicht auch heute noch die Verse zu Herzen gehen, welche in schlichter Innigkeit von Freundestreue, Eheglück, Naturverbundenheit, Mitleid und Demut zeugen? Kerners Gedicht „Im Eisenbahnhofe“ enthält eine Klage über die Entzauberung der Natur durch die Technik, und die letzte Strophe desselben scheint in fast prophetischem Geiste an unsere Zeit gerichtet zu sein, mit den Worten:

Fahr zu, o Mensch! treib's auf die Spitze,
Vom Dampfschiff bis zum Schiff der Luft;
Flieg mit dem Aar, flieg mit dem Blitze,
Kommst weiter nicht als bis zur Gruft.

Seltenheitswert in der Geschichte der Lyrik haben Gedichte der Gattentreue wie „An Sie im Alter“ und „An Sie nach Ihrem Tode“. Damit hat er seinem Rickele, die einen Ehrenplatz unter den deutschen Dichterfrauen verdient, ein Denkmal gesetzt. Ihr Sinn für die Wirklichkeit des Alltags, ihre Geduld und Besonnenheit, ihr Verständnis und Einfühlungsvermögen schufen den Ausgleich zu Kerners Sensibilität und überschwenglicher Phantasie. Das Ehe- und Familienglück bewahrte ihn lange Zeit vor einem Verfall in die Schwermut, die sein Leben nach Rickeles Tod beherrschte und deutlich aus seinem Briefwechsel mit Ottilie Wildermuth ersichtlich ist.

Als poetische Frucht von Kerners Bildungsreise erschienen im April 1811 „Die Reiseschatten. Von dem Schattenspieler Luchs“. Das Werk steht unter dem Einfluß von Ludwig Tiecks Märchendramen, offenbart aber deutlich Kerners typische Charakterzüge: Herzenswärme, Freundestreue, launige Gesprächigkeit, blühende Phantasie, lyrische Zartheit und Neigung zu Witz, Wortspiel, Satire und Humor. Dieses Hauptwerk der schwäbischen Romantik erlebte vor einigen Jahren eine Neuausgabe ebenso wie „Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit“, „Die Seherin von Prevorst“ und der Briefwechsel mit Ottilie Wildermuth.

Dass Kerner seinen Humor und die Freude am Grotesken auch im Alter nicht völlig verloren hat, beweisen seine „Klecksographien“. Quelle dieser Liebhaberei waren die „Tintensäue“, die zuweilen auf die Briefe und Manuskripte des fast erblindeten Dichters fielen. Durch Faltung des Papiers erzeugte er aus den zerdrückten Tintenklecksen wunderliche Gebilde und Teufelsfratzen, wobei er mit ein paar Federstrichen nachhalf. In erläuternden Versen machte er sich selbst über die so entstandenen „Dämonen“ lustig. Das von ihm aus Klecksographien zusammengestellte „Hadesbuch" ist in Urschrift im Schiller-Nationalmuseum in Marbach erhalten.

Verzeichnis der von Justinus Kerner verfassten und herausgegebenen Schriften


1806

Ikarus. In "Des Knaben Wunderhorn" von Achim von Arnim und Clemens Brentano 2. Band (Heidelberg)

1806

Gedichte im Musenalmanach auf das Jahr 1807 von Leo von Seckendorf (Tübingen)

1807

Sonntagsblatt für ungebildete Stände von Ludwig Uhland, Justinus Kerner, Karl Mayer, Heinrich Köstlin und anderen, 8 Hefte (handschriftlich) (Tübingen)

1808

Observata de functione singular[i]um partium auris (Inaugural-Dissertation) (Tübingen)

1809

Ein Wort über die Mundharmonika oder die Maultrommel. Morgenblatt für gebildete Stände S. 59 (Tübingen)

1811

Reiseschatten von dem Schattenspieler Luchs (Heidelberg)

1811

Das Wildbad im Königreich Württemberg (Tübingen)

1811

Poetischer Almanach auf das Jahr 1812 besorgt von Justinus Kerner, mit Beiträgen von Friedrich Fouqué, Rosa Maria Varnhagen, Johann Peter Hebel, Karl Philipp Conz, Karl Mayer, August Mayer, Gustav Schwab, Heinrich Köstlin und Sigmund von Birken (Heidelberg)

1813

Deutscher Dichterwald von Justinus Kerner, Ludwig Uhland und Friedrich Fouqué (Tübingen). Enthält neben Gedichten von Kerner das Märchen "Goldener"

1814

Erinnerung an Sigmund von Birken. Morgenblatt S. 257/58 (Stuttgart)

1815

Melchior Lang. Morgenblatt S. 295 (Stuttgart)

1816

Die Kirche auf dem Heerberge. Morgenblatt S. 3 (Stuttgart)

1816

Die Heimatlosen. Morgenblatt S. 113 und 118 (Stuttgart)

1816

Einige Bemerkungen über den Welzheimer Wald, ein im Königreich Württemberg liegendes Waldgebiet. Morgenblatt S. 203 (Stuttgart)

1817

Über das Wurstgift. Tübinger Blätter für Naturwissenschaften und Arzneikunde Bd. 3 (Tübingen)

1817

Über die Besetzung der Physikate durch Wahlen der Amtsversammlungen (Hall)

1817

Herzog Christophs Leben, geschrieben von seinem Beichtvater (Hall)

1817

Der rasende Sandler, ein politisch dramatisches Impromptu, mit Marionetten aufzuführen. Flugblatt (Stuttgart)

1817

Die gute Stadt Ludwigsburg an das alte gute Recht. Gedicht im gleichen Flugblatt (Stuttgart)

1818

Schüsse aus einem deutschen Schlüssel an taube Ohren von Gotthilf Mohrenbleicher. Volksfreund aus Schwaben vom 27. 2. (Stuttgart)

1819

Gedichte von Johannes Lämmerer, Leinenweber in Gschwend (Schwäbisch Gmünd)

1819

Über die Kirche zu Weinsberg. Morgenblatt S. 206 (Stuttgart)

1820

Neue Beobachtungen über die in Württemberg so häufig vorfallenden tödlichen Vergiftungen durch den Genuß geräucherter Würste (Tübingen)

1820

Die Bestürmung der Stadt Weinsberg durch die hellen christlichen Haufen im Jahre 1525 und deren Folgen für die Stadt. Morgenblatt S. 274 (Stuttgart) (als Buch: Öhringen 1822)

1821

Probeszenen aus den Bärenrittern, Posse in zwei Akten, zusammen mit Ludwig Uhland (Heidelberg)

1822

Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkung auf den tierischen Organismus (Stuttgart)

1824

Geschichte zweier Somnambulen (Karlsruhe)

1826

Gedichte (Stuttgart)

1829

Die Seherin von Prevorst, Eröffnung über das innere Leben der Menschen und über das Hereinragen der Geisterwelt in die unsere (Stuttgart)

1831

Ein Sendschreiben an die Bürger des Oberamtes Weinsberg in Betreff der uns bedrohenden Cholera (Heilbronn)

1831-1839

Blätter aus Prevorst, Originalien und Lesefrüchte für Freunde des inneren Lebens, 12 Bände (Karlsruhe)

1834

Geschichte des Mädchens von Orlach (Stuttgart)

1834

Geschichte Besessener neuerer Zeit, Beobachtung aus dem Gebiete kakodämonischer, magnetischer Erscheinungen (Karlsruhe)

1836

Nachricht von dem Vorkommen des Besessenseins, eines dämonisch magnetischen Leidens und seiner schon im Altertum bekannten Heilung durch magisch-magnetisches Einwirken in einem Sendschreiben an Herrn Obermedizinalrat Dr. von Schelling in Stuttgart (Stuttgart)

1836

Erscheinungen aus dem Nachtgebiete der Natur, durch eine Reihe von Zeugen gerichtlich bestätigt und den Naturforschern zum Bedenken mitgeteilt (Stuttgart)

1836

Das entstellte Ebenbild Gottes in dem Menschen durch die Sünde, dargestellt in einer Folge von sieben Predigten zur Fastenzeit von Fürst Alexander von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst (Regensburg) (Die Predigten Nr. 2 bis 7 hat Kerner verfaßt.)

1837

Der Bärenhäuter im Salzbade, ein Schattenspiel (Stuttgart) (Diese Posse wurde 1811 von Kerner niedergeschrieben.)

1840-1853

Magikon, Archiv für Beobachtungen aus dem Gebiete der Geisterkunde und des magnetischen und magischen Lebens, 5 Bände (Stuttgart)

1841

Dichtungen in zwei Bänden (Stuttgart)

1848

Lyrische Gedichte (Stuttgart)

1849

Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit (Braunschweig)

1852

Der letzte Blütenstrauß (Gedichte) (Stuttgart)

1853

Die somnambulen Tische, zur Geschichte und Erklärung dieser Erscheinung (Stuttgart)

1856

Franz Anton Mesmer aus Schwaben (Frankfurt)

1859

Winterblüten (Stuttgart)

Verschiedene dieser Werke erlebten weitere Auflagen, die hier nicht einzeln erwähnt werden.



Stand: 05/31/2009 21:54:34 * © Günther Emig, Weinsberg
Mit freundlicher Unterstützung des Justinus-Kerner-Vereins, Weinsberg

 

Kerner Vertonungen

 393 Vertonungen von Kernergedichten    

Der Justinus-Kerner-Verein und Frauenverein Weinsberg e.V. hat eine große Zahl bisher unbekannter Kernervertonungen erhalten. Prof.Dr.Harald Krebs von der Universität in Victoria/Kanada und seine Ehefrau Sharon Krebs,die beide im Jubiläumsjahr des Kernervereins 2005 ein vielbeachtetes Konzert mit Kernerliedern in Weinsberg gegeben hatten, haben bei ihrem Deutschlandaufenthalt im Frühjahr 2008 eine Menge neuer Kernervertonungen in der Staatsbibliothek in Berlin gefunden. Zunächst übermittelten sie eine Liste mit den 393 Namen der Komponisten, Werktitel und Gedichte Justinus Kerners. Außerdem stellten sie 35 Vertonungen von Gedichten Theobald Kerners zusammen, die größtenteils auch in Berlin aufbewahrt werden.

 

Bald kam auch ein großer Stapel (96 Gedichte mit teilweise mehreren Notenblättern) mit Notenkopien der Vertonungen an. Die Ergebnisse der bisherigen Recherchen des Ehepaares Krebs wurden in der kanadischen Liederwebseite www.recmusic.org/lieder/k/kerner veröffentlicht. Dort findet sich auch neben den Liedtexten und Komponistennamen teilweise eine Übersetzung in verschiedene Sprachen (Englisch,Italienisch,Norwegisch,Tschechisch,Holländisch).

Der Justinus-Kerner-Verein und Frauenverein Weinsberg e.V. hofft, dass einige der neu entdeckten Vertonungen in naher Zukunft in Weinsberg aufgeführt werden können.