Justinus Kerner und der Mesmerismus

Eberhard Gmelin
Der Welzheimer Wald
Die Seherin von Prevorst
Mesmer
Magnet
Nervenstimmer
Die Schrift der Seherin von Prevorst

Der kranke Knabe und das „magnetische Leben“

Der Heilbronner Stadtphysikus Eberhard Gmelin (1751-1809) magnetisierte den von einem chronischen Magenleiden gequälten elfjährigen Justinus. Gmelin war ein namhafter Vertreter des „animalischen Magnetismus“. Er therapierte seine Patienten mit dieser seinerzeit neuartigen Heilmethode, so etwa - allerdings ohne Erfolg - den mit ihm befreundeten Friedrich Schiller im Jahr 1793. Die folgende Szene schildert die erste Begegnung Kerners mit dem Mesmerismus, der für ihn als späteren Magnetiseur und ersten Mesmer-Biografen von größter Wichtigkeit werden sollte.

„Er [Gmelin] hieß mich auf einen Stuhl setzen, sah mir mit seinen schwarzen Augen fest ins Auge und fing mich mit seinen ausgestreckten Händen von Kopf bis in die Magengegend zu bestreichen an; er behauchte mir auch mehrmals die Herzgrube [Hypochondrium]. Ich wurde ganz schläfrig und wußte endlich nichts mehr von mir. Ich mag lange schlafend gewesen sein, als ich erwachte. ... Bei meinem damals ohnedies vorherrschenden Gemütsleben hatte jene magnetische Manipulation, so kurz sie auch war, ein magnetisches Leben in mir erweckt, das mir von dort an jene voraussagenden Träume und Ahnungen gab und in mir später selbst eine Vorliebe für die Erscheinungen des Nachtlebens der Natur, für Magnetismus und Pneumatologie [Geisterkunde] schuf. Von da an schien auch wirklich eine Abnahme meines körperlichen Leidens sich einzustellen.“

Die Seherin von Prevorst

Ab November 1826 behandelte Kerner, der ab 1819 als Oberamtsarzt in Weinsberg fungierte, die damals 25-jährige schwer kranke Friederike Hauffe aus dem Dorf Prevorst bei Löwenstein, die - „ein Bild des Todes, völlig verzehrt, sich zu heben und zu legen unfähig“ - an täglichen Dämmerzuständen litt, in denen sie „Geister“ sah. Nach einigen Monaten wurde sie in den Kernerschen Haushalt aufgenommen, wo sie bis kurz vor ihrem Tod im August 1829 lebte und von der ganzen Familie gepflegt wurde.

Im Mittelpunkt der ärztlichen Behandlung der „Seherin“ stand das „Magnetisieren“, was freilich auf ein Selbstmagnetisieren hinauslief, da diese sich in der Regel selbst Art, Umfang und Zeitpunkt der „magnetischen Manipulationen“ verordnete. Kerner hatte sie so zu magnetisieren, wie es ihr „Schutzgeist“ vorexerzierte. Die „Heilbestrebungen im Innern“ (als Heilkraft der Natur) zielten - gemäß der mesmeristischen Vorstellung - darauf ab, eine „wohltätige Krise“ zu verursachen. Eine besondere Rolle spielte ein fantastischer Heilapparat, der „Nervenstimmer“, der einem „magnetischen Kübel“ (französisch „baquet“) nachempfunden war und nach Angaben der „Seherin“ - wie angeblich vom „Geist“ ihrer verstorbenen Großmutter befohlen - von Kerner nachgebaut wurde. Interessanterweise betätigte sich die Somnambule in Kooperation mit ihrem Arzt auch als Heilerin (als Medium im späterem Sprachgebrauch), wie dies in jener Zeit häufiger der Fall war. So „erfühlte“ sie zum Beispiel bestimmte Heilmittel, insbesondere das Johanniskraut, das sie als Amulett oder Aufguss nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Kranken verordnete. So habe sie einmal einen jungen Mann, „der zur Melancholie geneigt war“, mit Johanniskraut heilen können. Gewöhnlich aber benutzte sie bei ihren Amuletten das geschriebene Wort „hauptsächlich in ihrer Sprache des Innern“, die im Verständnis der Beobachter direkt der Ursprache der Natur (einer Art von „Hieroglyphen“) entstammen sollte. Das Szenario der geschilderten Phänomene - vom Sehen des eigenen Sonnengeflechts im Hypochondrium, über sensitive Experimente mit Metallen und Edelsteinen bis hin zu Fernheilungen und Geistererscheinungen - ist überaus reichhaltig (und stellt nebenbei gesagt die meisten Fallgeschichten aus der heutigen Parapsychologie und „Geistheilung“ in den Schatten).

Die Krankheit der Seherin sollte nachträglich nicht in die heute gültige diagnostische Klassifikation gepresst werden. Am ehesten wäre wohl aus heutiger Sicht an einen schweren psychotischen Prozess zu denken. Übrigens ergab ihre Sektion durch Dr. Off zu Löwenstein zwar krankhafte Befunde der „Unterleibsdrüsen“, der Leber und des Herzens. Dieser habe jedoch behauptet, „noch nie ein gesunderes und schöner gebildetes Gehirn in einem Menschen getroffen zu haben“. Den Romantikern imponierte eben das „magnetische Leben“ der Somnambulen nicht primär als Ausdruck einer organischen Gehirnkrankheit oder als psychiatrische Minusvariante, sondern vielmehr als eine Offenbarung der verborgenen Natur im Menschen, als tiefe und gleichsam mystische Vereinigung mit ihr. Manche Somnambulen wurden deshalb fast wie Heilige verehrt, und gerade an Kerners tiefer Ehrfurcht vor seiner Patientin bestehen keine Zweifel.

Kerners zweibändige Krankengeschichte stellt ein höchst differenziertes und sensibles ärztliches Forschungsprotokoll dar. Man bemerkt eine eigenartige Stabilität des Verhältnisses zwischen dem Arzt (einschließlich seiner Familie) und der Patientin, Beobachten, Niederschreiben, Dokumentieren bedeuteten eine Objektivierung und Kontrolle seines Umgangs mit der Kranken. Kerner vergaß dabei nie die ihm vorgegebene ärztliche Rolle: Er begriff die Seherin durchgehend als Schwerkranke, ja Todkranke. Gerade im Lichte moderner Psychotherapie und Psychoanalyse erstaunt uns heute seine intuitive Sicherheit, mit der er die Nähe der Patientin suchte und zugleich Distanz zu ihr einhielt — ohne sich „anstecken“ zu lassen und selbst ihrem Geistersehen zu verfallen. Dies gilt auch für seine intensive Auseinandersetzung mit dem „Besessenseyn“ („kakodämonisch-magnetischen Zuständen“) und dem „Tischrücken“ als neuem Ausdruck spiritistischen Geisterglaubens um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Kerner verfügte über selbstanalytische Fähigkeiten und Erfahrungen, die ihm trotz eigener melancholischer Seelenzustände eine erstaunliche „Ich-Stärke“ (Freud) ermöglichten. Diese äußerte sich nicht zuletzt in seiner charakteristischen Selbstironie.