Die Geschichte des Kernerhauses

Das Kernerhaus heute, Straßenseite

Vom Oberamtsarzt und Dichter Justinus Kerner (1786-1862) am Fuße des Burgbergs im Jahre 1822 erbaut, wurde das Haus durch die Anziehungskraft von Kerners vielseitiger Persönlichkeit und durch die Tüchtigkeit seines "Rickeles" zum Treffpunkt der Romantik in Schwaben und zur Begegnungsstätte zahlreicher bedeutender Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts.

"Der Reisende glaubte nicht in Schwaben gewesen zu sein, wenn er nicht das Kernersche Haus besuchte", schreibt der Theologe David Friedrich Strauß in einem biographischen Aufsatz über seinen Weinsberger Freund. Nach dem Tode des Dichters übernahm dessen Sohn Theobald das Haus. Nach Theobalds Ableben verkaufte seine Witwe das denkwürdige Haus (1907) an den 1905 gegründeten Justinus-Kerner-Verein, der es 1908 der Öffentlichkeit zugänglich machte und seither betreut.

Dank großzügiger Unterstützung durch die Stadt Weinsberg, das Landesdenkmalamt Stuttgart, den Landkreis Heilbronn und zahlreichen Spenden konnten 1985/86 die umfangreichsten
Renovierungsarbeiten seit dem Bau des Hauses durchgeführt werden. Man war bemüht, den ursprünglichen  Charakter des Hauses wieder herzustellen, um einen Hauch Kernerscher Atmosphäre zu vermitteln.

Auch nach seiner Neugestaltung ist das Kernerhaus nicht in ein literarisches Museum umfunktioniert worden; es ist das Haus des Arztes und Dichters Justinus Kerner geblieben.

                   

 

Über das Kernerhaus und seine Dependancen
(Auszug aus Theobald Kerners "Das Kernerhaus und seine Gäste")

Der alten Hexe, der bösen Maurersfrau, bei der meine Eltern, als sie von Gaildorf nach Weinsberg gezogen waren, vier Jahre in der Miete wohnten, erinnere ich mich noch gar wohl, sie war bitterbös und schuld daran, dass mein Vater sich ein eignes Haus bauen musste, weil es mit ihr nicht mehr auszuhalten war. Meine Schwester Marie hat in ihrem Buche ,Justinus Kerners Jugendliebe" dies alles ausführlich gesagt, sie hat auch vom Hausbau, wobei Uhlands Zimmerspruch gesprochen wurde, und von Haus und Garten gar vieles erzählt, deshalb berühre ich es hier nur flüchtig.

Das Haus, im Jahre 1822 am Fuße der Burg Weibertreu durch Werkmeister Hildt erbaut, war namentlich anfangs nur eine kleine, anspruchslose Doktorswohnung, hatte parterre Stall und Remise und ein Zimmer, eine Treppe höher vier Zimmer, im Dachstock zwei Kammern. Anno 1827 wurde ein Schweizerhaus mit Altane angebaut, wodurch zwei weitere Zimmer entstanden, und im grossen Garten dem Hause gegenüber bot das Alexanderhäuschen auch drei trauliche Zimmerchen zum Übernachten für friedliche Gäste. Dieser große Garten soll in alten Zeiten ein Kirchhof gewesen sein und das Gartenhaus mit der Jahreszahl 1600 über dem Eingang ein Totenhaus, weshalb es vom Verdacht, Geister zu beherbergen, nicht frei war; jetzt modernisiert, mit Altanen und Rebengeländern umgeben und mitten unter Blumen, war es für Dichter und andre berühmte Leute, zumal wenn sie zu zwei und drei zugleich darin nisteten, ein etwas enges, aber doch behagliches Nestchen. Alexanderhäuschen wurde es nach Graf Alexander von Württemberg, der oft darin wohnte, in späterer Zeit genannt. Im andern, dem das Wohnhaus umgebenden Garten, steht hart an der Weinsberger Stadtmauer ein uralter Gefängnisturm, im Volk Geisterturm genannt, welchen mein Vater von der Stadt gekauft hatte. Dieser bot auch, wie Uhland in einem Gedichte sagte: "Gelass für Teufel und für Tintenfass." In den dicken Mauern ward nämlich ein gotisches Zimmer mit Nischen und runden Kirchenscheiben wohnlich eingerichtet. Unter diesem Zimmer war das Burgverlies, und oben eine Plattform mit herrlicher Rundsicht auf Kirche, Weibertreu und das Weinsberger Tal. Bei Tag nahm sich das Ganze hübsch und poetisch aus, aber in der Nacht und im Mondschein machte der Turm mit der alten Stadtmauer und dem riesigen Nussbaum, der seine schwarzen Arme gegen den Turm ausstreckte, und mit dem verflixt unheimlichen, efeuumrankten Eingang in das Burgverlies, einen gespenstischen, nichts weniger als einladenden Eindruck, namentlich für einen Fremden, der etwa spät weil kein andres Schlafzimmer vorrätig, in diesem Turmzimmer übernachten musste. Ein Bett war auch nicht darin, nur ein Armsessel und großer Teppich, in diesen konnte er sich einwickeln und träumen. Da gab's oft eine schlechte Nacht! Meine gute Mutter suchte darum auch bei schon überfülltem Hause jedem Gast womöglich eine bessere Schlafstelle zu bereiten, und da hieß es nicht "audiatur et altera pars!" Wenn wir Kinder im sogenannten Sargzimmer oben schon längst im besten Schlafe lagen, rief sie zur Türe herein: "Kinder, steht auf! Es sind noch Gäste gekommen, ihr müsst Zimmer und Bett hergeben!" Da galt nun kein Widerstreben, wir taten's auch gerne, es gehörte sozusagen zur Hausordnung, unser Zimmer wurde für die Fremden hergerichtet, und wir Kinder? Ach, danach fragte man nicht, es gab überall im Hause ein Plätzchen auf dem Boden, um sich hinzulegen, und in warmen Sommernächten war im Garten auch eine Bank, wo man den Rest der Nacht zubringen konnte, und mit Morgengrauen gingen wir dann in den nahen Wald und brachten schöne Waldsträuße heim.
0, das war ein herrliches Kinderleben!

Als ich aber mit der Zeit heranwuchs und die Erkenntnis von Gut und Bös erlangte, da überkam mich doch oft ein mächtiger Zorn, wenn ich sah, wie einer nur mit spöttischem Lächeln das Kernerhaus betrat, die Menschen, Zimmer und Gänge fixierte, als wollte er sie einer Vivisektion unterwerfen, um die Wurmnester von Geistern zu entdecken.