Besucher des Kernerhauses

"Das Kernerhaus und seine Gäste"

"Mit so wunderbarem Reiz für die Herzen der Gäste"

"Der Reisende glaubte nicht in Schwaben gewesen zu sein, wenn er nicht das Kernersche Haus besuchte; hatte er es aber einmal besucht, so kam er womöglich wieder oder schickte andere, die er durch seine Schilderungen begierig gemacht hatte; und so wurde dieses kleine Haus zu einem Wallfahrtsorte, einem Asyl, wo Empfängliche Anregung für Geist und Herz, Bekümmerte Trost, Lebensmüde Erquickung suchten und fanden."  Mit diesen Worten beschrieb David Friedrich Strauß inseinem Nachruf auf den jüngst verstorbenen Freund Justinus Kerner das Phänomen um dessen legendäre Gastfreundschaft, für die das kleine Weinsberger Häuschen zum Wahrzeichen geworden war. Die Blütezeit der berühmten Berliner Salons neigte sich bereits dem Ende zu, als das Kernerhaus für 40 Jahre, just vom Moment seiner Fertigstellung an bis zum Tod des Hausherrn, Menschen unterschiedlichster Couleur und so ziemlich alles, was damals Rang und Namen hatte, für manch behagliche Stunde, zuweilen auch für Wochen oder gar Monate beherbergte:Frauen und Männer jeden Standes, Schriftsteller, Musiker, Ärzte, Naturforscher, Philosophen, Honoratioren, Fürsten, Bauern und Handwerker. Auf Kerners über 15 Jahre peinlich genau geführter Gästeliste finden sich bekannte Namen "wie die der Studienfreunde Karl August von Varnhagen von Ense und Ludwig Uhland, wie der Graf Alexanders von Württemberg, Bettine von Arnims und anderer mehr. Nikolaus Lenau logierte monatelang im Geisterturm - ein auf Kerners Grundstück befindlicher alter Gefängnisturm. Ein "Gelaß für Teufel und Tintenfaß", in dem es angeblich spukte -, doch er vermochte trotz Kerners Bemühungen seine Schwermut nicht zu überwinden. Aber auch Menschen, die, wären sie nicht an den Dichter und Arzt Justinus Kerner geraten, heute keiner mehr kennen würde, waren willkommene Gäste, Menschen wie der Handschuhhändler aus dem Inntal oder Friederike Hauffe, die als "Seherin von Prevorst" in die Literatur eingegangen ist. Sie alle wurden, sobald sie sich im Kernerschen Dunstkreis aufhielten, unterschiedslos mit großer Herzlichkeit behandelt, und alle löffelten einmütig aus dem nicht gerade vornehmen, dafür robusten Zinngeschirr, das viele Gäste - wie Kerners Sohn Theobald in seinen Erinnerungen bemerkt - amüsant und merkwürdig fanden.
Manchmal muß es in dem Häuschen wie in einem Taubenschlag zugegangen sein, und es kam vor, daß die Kinder Maria, Theobald und Emma drinnen keinen Platz mehr zum Schlafen fanden, weil alle Betten, auch die im "Sarg- Zimmer", an Gäste vergeben waren, und die Geschwister statt dessen sommers unter freiem Himmel auf einer Bank im Garten schlummerten. Im Kernerschen Haus herrschte eine nicht alltägliche Atmosphäre, das konnte jeder auf den ersten Blick erkennen, so auch Lenau, der folgendes ",'wunderliche Bild" bei seiner Ankunft vorfand. "Auf dem Boden ausgestreckt lag lang und breit ein Mann, ihm zur Seite eine Frau, zur Linken und Rechten von ihnen Kinder. Sie lagen unbeweglich, doch konnte ich merken, daß sie lebten. Ich blieb betroffen stehen, die liegende Gruppe that ebenfalls nichts "dergleichen, als ob ein Fremder eingetreten wäre. Ich nannte endlich meinen Namen, Ah willkommen, lieber Niembsch! wir probieren da eben. wie es seyn wird, wenn wir so nebeneinander im Grabe liegen werden. " Kerners Ehefrau, sein geliebtes Rickele. machte das Unmögliche möglich, es "war, als ob auf ihren Wink sich die Wände des Hauses dehnten, um Raum für Gäste zu bieten, denn unter ihrer Hand erneuerte sich das Wunder im Evangelium mit den fünf Broten und zwei Fischen." Sie war der gute Geist des Hauses. und es gelang ihr auf elegante Weise, mit dem wenigen Geld. das ihr allzu gutmütiger Ehemann von den Krankenbesuchen heimbrachte, zu wirtschaften. Kein Wunder also, daß es mit ihrem Tod 1854 im Kernerhaus stiller wurde und daß man viel von den Erinnerungen an die alten Zeiten zehrte. Friederike Ehmann, wie sie vor ihrer Heirat hieß, war Justinus Kerner buchstäblich zur besseren Hälfte geworden. Schon 1841 fragte er in einem Gedicht:

,,Würdest sterben du vor mir,
Würd' dein Tod den Tod mir geben,
Denn wie könnt' ich, ach! noch hier
Mit zerteiltem Herzen leben?"

Fast erblindet und von Gicht geplagt., fiel er in den acht Jahren, die er seine Frau überlebte, in tiefe Melancholie und wünschte sich nichts sehnlicher, als neben ihr im Grabe ruhen zu dürfen.

 

Brief von Ottilie Wildermuth an Justinus Kerner

Ein Aufenthalt bei Justinus Kerner in Weinsberg ließ den Alltag vergessen- Begegnungen und Gespräche mit interessanten Menschen, Spaziergänge, ein oder mehrere Gläschen "Wein, auch Geisterbeschwörungen bereiteten den Gästen eindrückliche, vergnügliche Stunden, an die sie sich voller Sehnsucht erinnerten. "Da hin ich gar viel in Gedanken bei Euch, bei Dir, in dem kleinen Hause, das einen so wunderbaren Reiz für mein Herz hat, daß es mir stets wieeine zweite Heimat vor Augen und vor der Seele steht",schwärmte Ottilie Wildermuth in einem Brief an Kerner,"Ich möchte mich wieder auf das Schemelehen zu Deinen Füßen setzen und hören, was Du mir erzählst von Lust und Leid aus alten und neuen Tagen oder den geisterhaften Tönen Deiner Maultrommel lauschen, - das alles möchte ich und noch viel mehr,"...

 

Die Dichterrunde im Kernergarten

Ein Brief von Friedrich Silcher an Justinus Kerner
vom 12. Januar 1828

Innigst geliebter und verehrter Freund!

Hiermit bin ich so frei , Ihnen die längst versprochenen Lieder zu überreichen. Mezler trägt die Schuld, dass sie so spät kommen. Nehmen Sie sie in Liebe auf, ich habe sie mit inniger Liebe komponirt. Wie glücklich wäre ich nur, wenn ich das eigenthümliche Wesen Ihrer Gedichte, die reinen Naturklänge derselben, das kindliche Herz und die innige Sehnsucht und Liebe, welche daraus athmen, nur einigermaßen in Tönen ausgedrückt haben sollte!

Die Stunden, welche mir in Weinsberg zu Theil geworden sind, zähle ich unter die schönsten meines Lebens. Sooft sie vor meiner Seele stehen, erscheint mir dieser Ort als der liebste Punkt des freundlichen Unterlandes und - Sie dürfen es  glauben - ich weide mich recht oft daran. Wäre doch mein geistgemüth- und seelenvoller Kerner bei uns in Tübingen, wo mit Conz alle Poesie vollends zu Grabe gegangen ist und wir mit Pandekten übersät sind! Doch wer wollte Ihnen Ihr trautes Weinsberg, Ihr freundliches Haus, den stillen Garten und den lieben Thurm nehmen?

Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin empfehlen sich die Meinigen mit mir aufs herzlichste.

Zeitlebens mit reinster Verehrung

Ihr

Silcher                                  Tübingen, d. 12. Jan. 28

 

Ich weiß nicht, wie es zugegangen ist, dass ich im Manuskript der Lieder bei Nro. 4 die Aufschrift "Die Jäger und die Schäferin" statt "Nächtlicher Besuch" hatte, was ich leider erst jetzt entdeckt habe