Das Alexanderhäuschen

Das Alexanderhäuschen heute

Die Gästeherberge des Weinsberger Oberamtsarztes und Dichters Justinus Kerner gehört zu den Denkmalen von "besonderer Bedeutung". Seine bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Geschichte ist jedoch lückenhaft und umstritten. Als Kerner 1828 von der Witwe Elisabeth Österlin den ca. 28 Ar großen Garten, den so genannten .Österlin'schen Garten" erwarb und ihn durch Zukäufe des daneben liegenden .Kurz'schen Garten" mit ca. 22 Ar und einer weiteren Fläche von ca. 5 Ar erweiterte, entstand der "große Kerner'sche Garten" an der Öhringer Straße mit einer Gesamtfläche von ca. 55 Ar.

Auf dem Grundstück der Witwe Österlin befand sich ein kleines 5,31 x 5,31 m großes aus Sandstein gemauertes eingeschossiges Gartenhäuschen. In das steinerne Portal war die Jahreszahl 1600 eingemeißelt worden. Justinus Kerners Sohn Theobald berichtet in seinem Buch "Das Kernerhaus und seine Gäste": "Dieser große Garten soll in alten Zeiten ein Kirchhof gewesen sein und das Gartenhaus mit der Jahreszahl 1600 über dem Eingang ein Totenhaus. weshalb es vom Verdacht, Geister zu beherbergen, nicht frei war". Auch Kerners Tochter Marie, verheiratete Niethammer, schreibt in "Das Leben des Justinus Kerner. Erzählt von ihm und seiner Tochter Marie": "Gegenüber von unserem Hause war ein großer Garten, von einer lebendigen Hecke umgeben, die kaum einen Einblick in denselben gestattete. Er soll früher als
Kirchhof gedient haben und das kleine Haus, in der Mitte desselben, hieß das Totenhäuschen. Es waren auch noch einige steinerne Kreuze in dem Garten zu sehen. Für uns hatte dieser Garten immer etwas Geheimnisvolles, es gingen auch allerlei Sagen von Lichtern, die man in der Nacht dort wandern sehe usw., überhaupt sollete es nicht recht geheuer dort sein. Der Vater kaufte den Garten, alles geheimnisvolle verschwand, und nur Freude blühte uns aus dem selben... Durch den Obstgarten wurden Wege gezogen und an schattigen Stellen Sitze angebracht. Das so genannte Totenhäuschen, das die Jahreszahl 1610 über der Türe trägt, wurde zu einer Herberge für Gäste, in dem darin ein Zimmer mit zwei Kabinetten eingerichtet wurde. Im größeren Zimmer stand unter anderen Möbeln auch der vom Vater als Knabe gefertigte Schreibtisch, die beiden Kabinette dienten als Schlafzimmer. Mancher berühmte Mann übernachtete dort."

Seinen Namen"Alexanderhäuschen" erhielt das romantische Gartenhaus nach Alexander Graf von Württemberg aus Serach bei Esslingen. Die Bezeichnung "Alexanderhäuschen" wird erstmals in einem Brief Justinus Kerners an Karl Mayer im Januar 1823 erwähnt:

"...Niemsch ist freilich ein großer neuer Genius. Er versprach herzukommen, und dann musst Du auch kommen. Ihr könnt im Alexanderhäuschen im großen Garten wohnen, das drei Piecen hat, die man einheizen kann...
Ewig
Dein Justinus Kerner".

Heute ist von dem ursprünglichen Bau nach außen nur wenig erkennbar geblieben. Die Umbauten bzw. Anbauten von Theobald Kerner um 1880 und seiner Witwe Else von 1907 haben in der Denkmalwürdigkeit des ehemaligen Gartenhäuschens keinen Abbruch getan. Das Prädikat "besondere Bedeutung" schließt diese Veränderung mit ein. Theobald ließ nämlich den schadhaften Fachwerkaufbau abtragen und durch einen neuen Aufbau ersetzen. Die Absicht Theobalds, 1886 das Gebäude durch Anbauten in eine kleine Villa umzugestalten, scheiterte an den Kosten. Es blieb bei einem eingeschossigen Anbau. Aus dem ehemaligen Alexanderhäuschen wurde so Theobalds "Refugium sancti Francisci", so wie es heute noch auf der linken Seite des Vorbaus in Sandstein gemeißelt zu lesen ist. Auf der rechten Seite, über dem Eingang des alten Alexanderhäuschens, befinden sich neben der Jahreszahl 1600 die Namen Rybinski, Alexander v.jon] W[ürttemberg] und Lenau, drei Persönlichkeiten, die Gäste im Alexanderhäuschen waren. Nikolaus Lenau, Dichter aus Wien, der in Württemberg und im Kreise um Justinus Kerner eine zweite Heimat gefunden hatte und General Rybinsky aus Polen, der nach dem gescheiterten Aufstand von 1830/31 gegen die Russen auf seinem Weg ins französische Exil längere Zeit bei Justinus Kerner weilte und schließlich Alexander Graf von Württemberg, ein Sprössling der württembergischen Königsfamilie. Die Bezeichnung "Villa Else", die über dem heutigen Eingang steht, dokumentiert den gegenwärtigen Zustand des ehemaligen Alexanderhäuschens.

Else Kerner, die Witwe Theobalds, beauftragte 1907 das Heilbronner Architektenbüro Maute und Moosbrugger das kleine Gartenhaus zu ihrem Weinsherger Domizil auszubauen und es in eine Jugendstil-Villa umzugestalten. Diese letzte Umgestaltung hat das bescheidene Gartenhäuschen erst zu dem gemacht, was es heute ist: ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung. Die Architekten haben in hervorragender Weise die vorhandene Bausubstanz des ehemaligen Totenhauses und späteren Alex-
anderhäuschens mit dem eingeschossigen Anbau aus Theobalds Zeit in eine Jugendstil-Villa integriert. Bewohnt wurde die Villa von Else Kerner nicht. Sie verkaufte überraschend das Anwesen am 4. März 1909 an Privatier Ernst Friedrich aus Ludwigsburg. Knapp neun Jahre später, am 13. Oktober 1917 wird die Villa Else weiterverkauft an Wilhelm Otto Mährlen, Weinbauinspektor, Weinsberg. Von der Familie Mährlen hat der Verein das Alexanderhäuschen im November 1985 mit einem 11 Ar großen Grundstück erworben. Am 8. Mai 1996 wird Restaurator Norbert Eckert mit der Aufstellung eines restauratorischen Gutachtens beauftragt. Dieses Gutachten war Grundlage der Planung und Baudurchführung und Voraussetzung für die Erteilung der denkmalschutzrechtlichen Genehmigung.

Offen bleibt allerdings die Frage, ob es sich tatsächlich um einen Friedhof aus alter Zeit handelt. Der langjährige, ehrenamtliche Stadtarchivar und 1. Vorsitzender des Justinus-Kerner-Verein und Frauenvereins, Fritz-Peter Ostertag. ist dieser Frage nachgegangen. Stützt man sich auf die Aussagen von Theobald Kerner und seiner Schwester Marie verheiratete Niethammer, ist davon auszugehen. Schriftliche Quellen, die dies bestätigen könnten, sind bislang nicht bekannt. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass diese Zuschreibung auf eine echte Überlieferung zurückgeht und sich hier tatsächlich ein Friedhof befunden haben könnte. Aufschlüsse darüber sind nur durch punktuelle Ausgrabungen und Untersuchungen vor Ort zu erlangen.

Aber auch ortsgeschichtliche Zusammenhänge lassen die Annahme zu, dass sich hier tatsächlich ein Friedhof befunden haben könnte. Bereits im 16. Jahrhundert war es in Weinsberg zu einer sozialen Katastrophe gekommen, die derjenigen des 17. Jahrhunderts, die zur Anlage eines neuen Friedhofes geführt hatte, kaum nachstand. Nach den Vorgängen im Bauernkrieg 1525 und ihrer schuldrechtlichen Behandlung waren viele obdachlos geworden. Unter den Obdachlosen und darbenden Menschen brach damals der "englische Schweiß" aus, dem ein großer Teil der Ortsbevölkerung zum Opfer fiel. Sie könnten hier bestattet worden sein. Das angebliche Totenhäuschen könnte auch eine kleine Kapelle gewesen sein, die dem Gedächtnis der Opfer der Katastrophe des 16. Jahrhunderts gewidmet war. Das verhältnismäßig späte Erscheinen eines solchen Bauwerks auf einem Gräberfeld, das schon Jahrzehnte früher angelegt sein könnte, würde durchaus den Verhältnissen jener Zeit entsprechen.

 

Heutige Nutzung des Alexanderhäuschens

Das Haus soll kein Museum werden. Wir hoffen und wünschen, dass sich darin viele Menschen zusammenfinden, um mit dem Justinus-Kerner-Verein und Frauenverein Weinsberg nicht nur über die Geschichte und die früheren Bewohner des Hauses nachzudenken und zu reden, sondern auch um das kulturelle Leben heute in Weinsberg zu fördern.

Die märchenhafte Lage des Alexanderhäuschens in einem Park inmitten der Stadt, sowie seine geistige Atmosphäre, können Tagungen, Begegnungen und Besprechungen im kleineren Kreis fruchtbar beeinflussen.

 Das Alexanderhäuschen kann während der Öffnungszeiten des Kernerhauses oder nach Vereinbarung besichtigt werden.

Das Häuschen im romantischen Garten kann auch gemietet werden für Familienfeste, Tagungen, Gesprächsrunden, Seminare.

Auskunft: Birgit Strautz-Buch , Telefon: 07134 / 914417